Erinnerungen an Lewin von Rochus Tautz

gekürzte Version für das Internet

Als im Jahre 1938 die deutschen Truppen das Sudetenland einmarschierten und die aggressive Politik der Nationalsozialisten ihren verbrecherischen Anfang nahm und unseliges Leid in den nächsten Jahren über Millionen Menschen brachte, war ich 6 Jahre alt.

Friedrich Tautz

Meine Heimat war Niederschlesien, an der Reichsstraße Breslau - Prag.

Deutsche Truppen marschierten durch unsere Stadt, in das Sudetenland. Auf der Straße vor unserem Haus legte eine Kompanie der deutschen Soldaten eine Marschpause ein. Wir brachten den Soldaten Getränke und wir Kinder waren stolz darauf einige Worte mit den Soldaten zu wechseln. Angetan von dem äußeren Glanz, der Schneidigkeit und Disziplin, welche wohl jeder Soldat, gleich welcher Nation, auf ein Kinderherz ausübt.

Als dann deutsche Truppen Österreich "heimholten", in Polen einmarschierten und nach 3 Wochen "siegreich" waren, weitere Länder besetzten, glaubten wir Kinder stolz sein zu dürfen auf die großen Erfolge welche unsere Truppen in ganz Europa errangen. Die gut organisierte Jugendorganisation wie Jungvolk (JV) und Hitlerjugend (HJ) mit ihrer raffinierte Propaganda-Politik tat ein Übriges dazu..

Das Leben in Lewin veränderte sich. In den Schulen wurden die christlichen Symbole aus den Klassenzimmern entfernt und an deren Stelle kamen die Hitlerbilder. Der Religionsunterricht fand in der Kirche oder im Pfarrhaus statt, da er in den Schulräumen verboten war. Man führte neue Geschichts- und Gesangbücher mit nationalsozialistischem Charakter ein. Die Gesangsbücher enthielten Soldaten- und Kampflieder, oder Sturmgesänge wie: Nach Ostland geht unser Ritt, oder: Bomben auf Engeland.

Die Verdunkelungspflicht wurde eingeführt und Jedermann musste bemüht sein die Fenster gegen ausfallendes Lucht mit Papier oder dergl. abzuschirmen. Das Vereinsleben in den Städten und Gemeinden erlosch fast ganz, da die Einberufungen jeden Wehrtüchtigen erreichte.

Der Krieg ging dem absehbaren Ende entgegen. Die Zahl der Gefallenen und Vermissten stieg rapide an. Der Bürgermeister überbrachte bei uns in der Stadt den Familien die Nachricht vom Tode eines Ihrer Angehörigen. Mit ängstlichen Blicken verfolgte man den Weg des Todesnachrichten-Bringenden. Geht er bei uns vorbei, oder sind wir das nächste mal dran.

Inzwischen waren infolge der Bombardierungen in den Großstädten viele Menschen in ländliche Gegenden evakuiert worden. So auch in unsere Niederschlesische Heimat. Es mussten alle erdenklichen Quartiere bereitgestellt werden. Hotel-und Pensionszimmer Säle und Hallen wurden belegt. In unserer Stadt waren evakuierte Familien aus Berlin, Hamburg, Breslau usw. Diese Menschen wurden wiederum in den Arbeitsprozess eingegliedert.

Als im Herbst 1944 die Russen an der Oder standen, nahm der Flüchtlingsstrom große Ausmaße an. Die Menschen flüchteten vor der nachrückenden Front, gen Westen.-In langen Kolonnen zogen diese leidgeprüften Menschen mit Pferde - bespannten Wagen, mit dem nötigsten Hausrat bepackt und den Kindern obenauf durch unseren Ort. Ihr Ziel war durch die CSSR in den westlichen Teil Deutschlands, weg von der russischen Front, und weit weg von den russischen Soldaten.

Als den deutschen Truppen an der Ostfront kleine Vorstöße gelangen, die Russen an einigen Frontabschnitten zurückgeworfen wurden und von der Kriegspropaganda gleich von einer Wende des Krieges gesprochen wurde, dirigierte man diese Flüchtlingstrecks wieder in die Gebiete zurück aus denen sie gekommen waren. Doch schon nach wenigen Tagen, bedingt durch die veränderte Frontlage, kamen dieselben Trecks wieder zurück und wieder wurden Quartiere gesucht.

Volkssturmtruppen wurden zusammengestellt, an Waffen ausgebildet und in Marsch gesetzt. Viele dieser älteren Menschen schlugen sich, als der Krieg dem Ende zuging und diese Truppen sich auflösten, oder aus eigener Initiative, nach tagelangen Fußmärschen in die Heimat zu den Familien zu rück.

Panzersperren mussten gebaut werden. In das Eisenbahnviadukt am Rande der Stadt mit 27m Höhe wurden Sprengkammern eingebaut, und für die Sprengung alles Notwendige vorbereitet.- An den Einfallstraßen der Stadt wurden Panzersperren gebaut. Über die halbe Breite der Straße wurde das Pflaster aufgerissen, ca. 2 tiefe Löcher gegraben, mit ungefähr 4m langen Baumstämmen senkrecht stehend ausgefüllt. Die Arbeiten vorrichteten russische Kriegsgefangene.

Ende April 1945 begann der Totalausverkauf der Geschäfte. Ohne Marken, ohne Bezugschein und für wenig Geld. Versprengte, oder die Truppen verlassende Soldaten zogen durch die Wälder, um der Gefangenschaft zu entgehen und vieleicht die Angehörigen zu erreichen.

Zwei Tage vor der Kapitulation war die Front nur noch 20 km entfernt. Dia Russen würden also in den nächsten Tagen oder Stunden bei uns sein.- Verzweiflung, Angst und ein großes Unbehagen bemächtigte sich uns. Die Gräueltaten russ. Soldaten waren uns bekannt und sollten sich bewahrheiten.

Am 8. Mai 1945 war ich noch einmal zur Maiandacht. Es war ein schöner warmer Abend. Nach dar Andacht gingen wir sofort nach Haus. Über der Stadt lag die Angst vor der kommenden Nacht in der die Russen kommen sollten. Und sie kamen. -

Schon am frühen Morgen des 9. Mai 1945 erwachte ich durch starken Lärm, welcher von der Straße herauf kam. Ich schaute zum Fenster heraus auf die etwa 100 m entfernte Straße. In endlosen Kolonnen zogen russ. Truppenverbände vorbei.

In den nächsten Monaten erlebten wir einen ständigen Durchzug der russ. Truppen. Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Quälereien und Demütigungen und auch Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Verstärkt durch den großen Alkoholkonsum der russ. Soldaten. Wehrlose Menschen wurden erschlagen oder erschossen, eingesperrt, verhaftet, gefoltert oder zu Selbstmord getrieben. Verängstigte Menschen sprangen von Russen gehetzt, aus dem Fenster. Frauen und Mädchen schliefen mit Kopftüchern im Bett um alt und gebrechlich auszusehen. Oder man versteckte sich vor den Soldaten und Plünderern irgendwo, auch unter dem Bett. Des Nachts waren die Frauen und Mädchen besonders der Gefahr ausgesetzt.

Nach der Kapitulation war der gesamte Schulbetrieb ca. 4 Wochen geschlossen. Danach hatten wir wieder ein paar Tage Unterricht in der Schule, bis die Polen kamen und der Unterricht für Deutsche untersagt war.

Die ersten Polen waren vorwiegend Soldaten mit humaner Gesinnung. Es waren keine Kommunisten und Deutschenhasser. Wir sagten zu denselben Nationalpolen. Wahrscheinlich Getreue der Londoner, pol. Exilregierung, welche wohl die Macht im Lande übernehmen wollten.

Der erste Verwalter bei uns war ein pol. Jude. Ein korrekt gekleideter Mann mit guten Umgangsformen. In den ca. 2 Wochen die er bei uns wohnte hatten wir Ruhe vor Plünderungen und waren gewissermaßen beschützt.-

Nun mussten alle Deutschen weiße Armbinden tragen. Wer keine trug bekam 25 Schläge mit dem Stock. In einem Haus hatte die poln. Miliz ihr Quartier bezogen. Es wurden viele Leute verhaftet und gefoltert.- Das Schreien und Stöhnen derselben drang auf die Straße. Die gefolterten stieß man in Wasser, welches kniehoch im Keller stand. Oder man jagte die festgenommenen Deutschen einen steilen Hang hinauf und herunter bis man zusammen brach. Unser Pfarrer, ein Mann von 70 Jahren, wurde bei einem Spaziergang von Polen überfallen und mit abgebrochenen Zaunlatten zusammengeschlagen und im Straßengraben liegen gelassen.-

Die Verwaltung der Stadt kam nun vollständig in poln, Hände. Ein poln. Bürgermeister. Übrigens eine Frau, poln. Kommandant, Arzt und Pfarrer.-

Die Leute in der Stadt hatten noch schlimmere Zeiten zu überstehen, da sie ja keine Möglichkeiten hatten an etwas Essbares heranzukommen.-Es gab nur poln. Geschäfte und poln. Geld war nur im Umlauf. Man fand vereinzelt Arbeit bei den Polen gegen geringfügige Bezahlung. Die Deutschen verkauften ihre letzten, wenigen Habseligkeiten in einem eigens dafür vorgesehenen Geschäft.-

In unserer ehemaligen Jugendherberge zogen poln. Soldaten ein, welche für die deutsche Bevölkerung, insbesondere für die deutsch. Frauen und Mädchen, eine erneute Gefahr war, da man der Willkür dieser Soldaten, welche oft betrunken waren, ausgesetzt war. Zum Sauber halten der Räumlichkeiten wurden deutsche .Frauen herangezogen z.B. wartete man an Sonntagen den Gottesdienst ab, umstellte die Kirche und führte die Frauen und Mädchen mit Waffengewalt zur Arbeit in die Militärunterkünfte heran.

Im März 1946 gingen die ersten Transporte mit Deutschen weg. Ca. 2 Tage zuvor wurden Anschläge in deutscher Sprache angebracht. Es wurde nur kurz mitgeteilt, dass die-Deutschen ausgewiesen würden und zum Abgang des Transportes mit Handgepäck am Bahnhof sein müssen. Wo die Transporte hingeben sollten wurde nicht erwähnt und nichts konnte man erfahren. Allgemein wurde mit Bestimmtheit angenommen, dass die Transporte nach Osten, also Russland oder Sibirien geben.- So begann das Abschied nehmen von Freunden, Verwandten und Bekannten. Wir liefen den Zügen voraus und vom Bahndamm aus winkten wir den Deutschen in den vorbeifahrenden Zügen nach. Wo würden sie hinfahren? Gab es ein Wiedersehen?- Wir selbst wurden für einen späteren Transport, im Herbst 1946, zugeteilt.-

Die zum Teil leer stehenden Häuser wurden versiegelt. Die Polen durchsuchten aber die leer stehenden Häuser, illegal und mit Gewalt fanden sie Einlass.- Man benutzte den Hintereingang oder die Fenster.-

Unser Transpart ging am 14. 10. 1946. Wir nähten uns selbst Rucksäcke, Taschen oder Bettsäcke. In denselben nähten wir noch vorhandene Wertgegenstände und Geld ein.-Mein Vater bestellte nach ein paar Tage zuvor die Felder und verrichtete die anfallenden Arbeiten auf dem Feld und im Hof.- Er meinte, dass wir vieleicht im Frühjahr wiederkämen und dann wenigstens was zu ernten hätten.-

Wir zogen uns warm an, die Wäsche doppelt und dreifach am Körper.- Jede nur möglichen, erreichbaren Essensvorräte wurden eingepackt. Mit dem Pferdewagen fuhr uns der Pole zum Bahnhof. Mein Vater schwenkte den Hut und sagte auf Wiedersehen der Jahrhunderten alten Heimat, der Existenz, der ehemaligen Geborgenheit und Sicherheit, dem Vermächtnis der Ahnen und den Gräbern der Angehörigen.- Einen Augenblick den man nie vergessen kann. Unser Hund begleitete und ein Stück des Weges.-

Gegen Nachmittag kam der Güterwagen-Zug. Wir mussten mindestens 35 Personen in einen Waggon, oder bzw. Viehwagen, mit Gepäck.- Ca. 30 km fuhren wir, dann blieben wir die ganze Nacht auf der Strecke liegen. Morgens mussten wir mit dem Gepäck 2 km marschieren zur nochmaligen Kontrolle durch, poln. Behörden. So mancher Wertgegenstand, welchen man bis jetzt durch all die Wirrwaren der letzten Monate retten und durchbringen konnte, wurde daselbst abgenommen. Es waren auch große körperliche Anstrengungen, besonders für alte Manschen und Familien mit Kindern mit dem Transportieren des Gepäcks zur Kontrolle und zurück. Uns wurden dann auf dem Bahnhof andere Waggons zugewiesen. Wir hatten es schlecht getroffen weil es in unseren Waggon durch das lecke Dach regnete.-

Aus meinen Tagebuch-Aufzeichnungen: Wir kamen in den Waggon Nr. 29. Der Transport fuhr erst am anderen Morgen ab. Die Nächte waren schon sehr kühl. Wir versuchten ein wenig zu schlafen, und suchten uns Platz auf den Gepäckstücken, denn es war ja sehr wenig Platz vorhanden. Die Fahrt ging durch Liegnitz, Jauer über die Lausitzer Neisse, Sagan nach Teuplitz. Dort mussten wir raus zur Entlausung. In Forst angekommen hörten wir endlich wieder deutsche Kommandos des Bahnhofpersonals. Wir waren in der russ. Besatzungszone. Das poln. Zugpersonal übergab den Transport den Deutschen. Auf dem Bahnhof gab es die erste Verpflegung seit mehreren Tagen. Suppe, Kaffee und eine Scheibe Brot. Dann ging es weiter nach Falkenberg. Verpflegung, eine Scheibe Brot, Wurst, Kaffee, Zucker und Salzheringe. Weiter ging es über Torgau, Wittenberg nach Halberstadt am Harz. Dort hatten wir ein paar Stunden Aufenthalt.

Spät am Nachmittag fuhren wir noch ca. 12 km auf einer Nebenstrecke zu einem ehemaligen Konzentrationslager , mitten im Wald. Dort sollte unser erstes Quartier sein. Es war stockfinster, wir luden unser Gepäck aus und schleppten es zum Lager. In der Baracke 33b waren wir 23 Personen. Die einfachen Bettgestelle standen übereinander und waren mit einem Strohsack gefüllt. Ein eiserner Ofen, 2 Stühle, 3 Bänke und 2 Tische waren das Mobiliar. Endlich konnten wir uns wieder, nach 6 Tagen Fahrt, die Schuhe und Kleider vom Leibe streifen, uns gründlich waschen und ausschlafen. Für 5 Tage erhielten wir: 1 Brot. Kaffee oder Tee wurde im Freien gekocht auf einem alten Herd, welcher vor der Baracke stand. Mittagessen bekamen wir von der Lagerküche. Keine Fleischgerichte, nur diese dünnen Wassersuppen. Das ganze Lagergelände war eingezäunt und wir durften es nicht verlassen. Nur die Männer arbeiteten in einem nahegelegenen Steinbruch.-

Nach ca. 14 Tagen Lagerleben wurden die älteren Leute und die kleinen Familien in die umliegenden Dörfer eingewiesen. Der andere Teil der Lagerbewohner, wozu auch wir gehörten, wurde in eine Kaserne in der Kreisstadt umquartiert. Dort dauerte das Lagerleben 14 Tage. - Dann wurde uns vom Wohnungsamt eine Wohnung zugewiesen. Es war der 17.II.1946 als wir mit einem geliehenen Handwagen unsere wenigen Habseligkeiten in das neue Zuhause fuhren. Wir wohnten zur Untermiete und hatten 2 Zimmer, gemeinsame Küchen-und Toilettenbenutzung mit dem Wohnungseigentümer. Auch einen eigenen Keller hatten wir nicht. Unsere Kohle und das Holz, sowie die Kartoffeln lagerten im Kellergang.-

In der Wohnung war ein Bett, verschiedene Kleinmöbel und kein Ofen. Wir waren 6 Personen, sodass wir also auf dem Fussboden schlafen mussten.- Am nächsten Tag erhielten wir die Lebensmittelkarten mit den Hungerrationen.

Wir gingen und schlichen uns über die Zonengrenze in der "goldenen Westen" und holten uns mit dem Rucksack Kartoffeln und Brot. Für ein paar Pfund Kartoffeln mussten also stundenlange Märsche, gefährliche Grenzbegehungen bei Nacht und Nebel, Wind und schlechtem Wetter, in Kauf genommen werden.

Als meine Lehrzeit beendet war stellte ich sofort einen Antrag auf einen Interzonenpass zum besuchsweisen Aufenthalt zu meinen Geschwistern im Westen Deutschlands. Nach 3 jährigem Bemühen hatte ich Erfolg. Ich fuhr in den Westen und kehrte nicht mehr zurück. Ein halbes Jahr später holten wir unsere Mutter nach.-

Ich hatte einen Beruf erlernt und wir waren mit unseren Angehörigen im Westen wiedervereint und standen aber erfreut vor einem Nichts mit einer Handtasche voll Eigentum Mit der Wohnungs- und Arbeitssuche begannen wir uns ein bleibendes zu Hause zu schaffen.

-- ENDE --